CN: Achtung, in diesem Artikel geht es um akute Suizidalität, schädlichen Konsum und Tod uns nahestehender Menschen, bitte lies diesen Artiel nur, wenn du dich gut genug fühlst. Unterstützungsmöglichkeiten und Kontakte findest du am Ende des Artikels, aber insbesondere unter Psychosoziale Unterstützung (PSU) im Gesundheitswesen.
Es hat mich ziemlich fertig gemacht und lange habe ich gedacht, ich bin alleine damit. In den letzten drei Jahren habe ich vier KollegInnen an Suizid und Alkohol verloren. Und das sind nur die Fälle, die tödlich ausgegangen sind. Da gibt es eine riesige Dunkelziffer an Menschen, die in unserem System täglich ihr Leben riskieren. Und in den letzten zwei Wochen sind drei Menschen akut an „natürlichen“ Ursachen verstorben. Ich bin relativ sicher, dass unser System und der Druck auf uns Mitarbeitende DER extrinsische Faktor ist, der in viel zu vielen Fällen unter KollegInnen zur Dekompensation führt.
Lebenserwartung -20
Bis vor kurzem dachte ich, ich bin damit alleine und hätte einfach nur Pech, dass es mich so oft treffen würde. Aber im Gespräch mit KollegInnen habe ich kürzlich fest gestellt, dass es sehr viel häufiger ist, als ich vermutet hatte. Wir alle haben uns doch schon mehrfach über die Statistiken u.a. aus den USA oder UK lustig gemacht, in denen die Lebenserwartung von NotfallmedizinerInnen deutlich geringer ist als in anderen Fachrichtungen. Wo sollen diese bis zu 20 Jahren denn bitte herkommen, wir sind doch nicht kränker?
Kompensation
Die Ausgleichsmechanismen für den besten, aber eben auch anspruchsvollen und anstrengenden Job sind vielfältig – und nicht alle gesund. Wenn ich mich in meinem beruflichen Umfeld umsehe, muss ich feststellen, dass die Zeichen von Überlastung massiv sind. Gefährlicher Konsum von Substanzen oder risikobereites Verhalten sind da sicher nur eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite waren wir damals acht OberärztInnen am Uniklinikums Jena in der legendären Initialzeit, davon ist aktuell niemand mehr in oberärztlicher Tätigkeit. Darunter haben fünf wirklich grossartige KollegInnen ihre Arbeitszeit deutlich reduziert oder sind überwiegend in die Praxis oder Arbeitsmedizin gewechselt. Auch in der Pflege sind viele weitergezogen, obwohl sie gerne in der Notfallmedizin gearbeitet haben.
Tendenz
In einer vielbeachteten Studie von 2021 haben sich Forschende die Lebenserwartung unterschiedlicher Fachrichtungen und die entsprechenden Todesursachen angeschaut. Auch wenn das für die Notfallmedizin, als relativ junges Fach, noch fehlerbehaftet sein dürfte (und die Studie sicher auch kritisiert werden kann), ist der Unterschied zu den restlichen Fachgesellschaften schon beängstigend. Zumal es zu anderen Untersuchungsergebnissen passt, die sich u.a. mit Schichtarbeit beschäftigen: Auch dort kostet Schichtarbeit bis zu 15 Jahre Lebenszeit. Und unsere Quote an Unfalltoden ist erheblich höher als in anderen Fachbereichen. Ob das einfach auf einen systemimmanent riskanteren Lebensstil mit Schichtdienst, auf Blaulichtfahrten oder auf eine generell höhere Risikobereitschaft zurückzuführen ist, lässt sich aktuell bei der (auch international) relativ jungen Spezialisierung kaum seriös beantworten. Auffällig ist es definitiv und könnte eine Tendenz anzeigen.
Risiko
Anzeichen von besonderer Gefährdung sind leider häufig sehr subtil, müssen aber auch beachtet werden. Einige KollegInnen sind auffällig geworden weil sie Verletzungen hatten, die für den Mechanismus verhältnismäßig ausgeprägt waren, auch wenn es häufig „gut“ erklärt wurde. Auch Wesensveränderungen und vermeintliche Synkopen/Bewusstseinsminderungen können darauf hindeuten, dass Probleme bestehen. Zum Schutz unserer KollegInnen ist es natürlich in diesen Fällen sehr komplex, aktiv zu werden. Hilfreich ist es, wenn es vor Ort eine Betriebsvereinbarung Sucht gibt. Diese ist mit dem Betriebs-/Personalrat abgestimmt und damit gerade auch im Sinne der betroffenen Mitarbeitenden geschrieben. Es lohnt sich die Betriebsvereinbarung zu lesen und zu kennen. Meiner Erfahrung nach ist sie ein recht mächtiges, konstruktives und unterstützendes Tool um Menschen aufzufangen. Neben geregelter Unterstützung gibt es oft aber auch gestufte Sanktionsoptionen, die den Mitarbeitenden die Ernsthaftigkeit und Wichtigkeit der Intervention aufzeigen können. In der Regel sind diese auch automatisch ausgesetzt im Rahmen einer Therapie. Sinnvoll ist es, den Betriebsrat frühzeitig einzubinden. Dieser hat ja selbst ein Interesse daran, den Prozess im Sinne der Mitarbeitenden zu unterstützen.
Medizin und Sucht
Grundsätzlich gibt es nach meiner Information keine dezidierte Suchtberatung für Mitarbeitende im Gesundheitswesen, auch wenn wir im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung eine erhöhte Rate an suchtkranken Menschen haben. Immerhin gibt es häufig Suchtbeauftragte innerhalb der Kliniken, die unsere Lebenswirklichkeit kennen.
Aber, da sind sich alle Empfehlungen einig: sowohl für Suchterkrankungen als auch für die gesundheitlichen Probleme, die durch unsere herausfordernde und oft riskante Tätigkeit verstärkt oder verursacht werden, brauchen wir eine optimale Prävention und Unterstützung. Und da beißt sich die Katze in den Schwanz denn in der Realität gibt es in der Regel praktisch keine Prävention. Im Gegenteil, gerade wenn viele Kliniken wirtschaftlich zu kämpfen haben, ist der Druck auf die Notfallzentren mehr zu arbeiten bei gleichzeitig nicht kompensierter Unterbesetzung natürlich gigantisch. Damit wird die ohnehin schon katastrophale Situation noch schlimmer. Aber was sind schon Menschenleben – egal ob PatientInnen oder Mitarbeitende – wenn es um die Zahlen geht. Und so leid es mir tut, das ist jetzt extrem plakativ und schon fast etwas polemisch, mir fallen aber angesichts der Situation keine konstruktiveren Formulierungen ein. Letztendlich ist es aber auch unsere Aufgabe, Defizite klar zu benennen.
Kernaussagen:
- Unsere geliebte Arbeit erhöht unser Risiko für ernsthafte Erkrankungen leider signifikant, sowohl klassisch somatisch als auch im Substanzgebrauch.
- Schichtdienst und Arbeit in der Notfallmedizin verkürzen das Leben. Das ist die harte Wahrheit.
- Anpassung der Arbeitsbedingungen könnten das einschränken, kosten aber Geld, passieren also nicht.
- Du bist nicht alleine, wir alle haben schon geschätzte KollegInnen verloren oder kämpfen aktuell darum, dass der eine oder die andere aus ihrem Tal herauskommt.
Quellen:
Klicke, um auf fpubh-11-1133484.pdf zuzugreifen
https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(21)01596-8/fulltext
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33763857/
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC7737802/
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/37889050/
https://www.betriebsrat.de/betriebsratslexikon/br/alkohol-und-drogen-im-arbeitsverhaeltnis
Sucht am Arbeitsplatz: So reagieren Arbeitgeber im Gesundheitswesen richtig
Unterstützungsmöglichkeiten:
Klinik: Deine Klinik sollte einen SuchtbeauftragteN haben, üblicherweise ist das an den Betriebsrat/Personalrat gekoppelt.
https://psu-akut.de/angebote/: wie schon oben genannt, DAS Projekt im Gesundheitswesen für psychosoziale Belastung. Kollegialer Dialog, von Profis für Profis im Gesundheitswesen.
Belastende Ereignisse im Alltag können als „BG-Fall“ dokumentiert werden, auch wenn die BG-Sprechstunde klassischerweise in der Unfallchirurgie angesiedelt ist. https://www.bgw-online.de/bgw-online-de/themen/gesund-im-betrieb/gesunde-psyche
Viele psychiatrische Kliniken und Ambulanzen haben Erfahrung mit KollegInnen und Sucht, dafür gibt es häufig diskrete und beschäftigungserhaltende Therapieoptionen, die man erfragen kann.
„Ich persönlich bin ein großer Fan von GenZ, die SELFCARE groß schreibt“ Ein Zitat, dass ich so sofort unterschreibe. Davon sollten wir lernen und auf uns selbst achten. Diese Generation ist viel besser als ihr Ruf.


Lieber Felixlorang, ich wollte dir sagen, dass ich dir für diesen Artikel danke. Aktuell bin ich an einem Scheideweg der mich psychisch und physisch fertig macht. Dein Artikel hat mich nochmal über eine vermeintliche fatale Lösung/Entscheidung nachdenken lassen. Ich suche mir Hilfe .. danke .. vielen dank.
Lieber Felix,
Danke für den Artikel. Es ist ein so wichtiges Thema, dass leider noch viel zu wenig Beachtung findet.
Ich weiß nicht so ganz, wie ich meine Gedanken und Kommentare zu dem Thema sortieren soll. Da ist zum einen meine eigene Betroffenheit mit all den komplexen Facetten und generelle Gedanken zum Thema.
Ich habe meinen Berufseinstieg in der Notfallmedizin gemacht. Es war die einzige Fachrichtung, die ich mir vorstellen konnte. Aber ich habe schon mit Vorerkrankungen angefangen. Eine Suchterkrankung hat zum Glück nie eine Rolle gespielt, dafür eine Essstörung, eine komplexe Posttraumatische Belastungsstörung und Post-Covid.
Und ich frage mich, ob ein Teil dessen, was du oben beschreibst eventuell auch mit Vorerkrankungen zu tun hat. Meine Vorerkrankungen haben sicherlich auch eine große Rolle gespielt, warum ich gerade in die Notfallmedizin gegangen bin. Ich habe Eintönigkeit gehasst. Und ich war dank Dissoziation von meinen Gefühlen und traumatischen Erfahrungen in der Vergangenheit immer sehr gut darin, in stressigen und unübersichtlichen Situationen zu „funktionieren“. Unter Druck funktionieren war mein „natürlicher Lebensraum“, was liegt da näher, als Notfallmedizin zu machen?
Und deshalb frage ich mich, ob nicht gerade Menschen mit gewissen Vorerkrankungen, verstärkt in der Notfallmedizin landen. Traumafolgestörungen mit Dissoziation wie bei mir, weil man sich einerseits nicht spüren kann und gelernt hat auch in extremen Umständen zu funktionieren oder den Adrenalinkick braucht, um sich zu spüren. Oder auch AD(H)S mit dem ständigen suchen von neuen Reizen, oft nur unter Adrenalin arbeiten zu können. Ich glaube, mit solchen Prädispositionen (die vielen vielleicht auch gar nicht so bewusst sind, das mit der Traumafolgestörung ist für mich auch erst in den letzten Jahren klar geworden, obwohl es die ganze Zeit irgendwie da war) landen viele Leute vielleicht auch eher in der Notfallmedizin als in der Stationsarbeit. Und beide Erkrankungen gehen an sich schon mit erhöhten Sucht- und Suizidraten einher.
Und dann kommt noch der ganze Stress und Schichtarbeit oben drauf.
Ich habe oft in den Schichten, wenn ich mit den Psychiatern wegen einer Aufnahme telefoniert habe, insgeheim gedacht: Ich würde am liebsten fragen, ob sie mich auch aufnehmen können. Ich muss hier mal raus, ich kann nicht mehr. Aber gemacht habe ich das natürlich nie. Naja, bis ich halt suizidale Gedanken hatte. Ich war zum Glück schon ambulant angebunden und hatte einen Ansprechpartner. Aber dann bin ich auch erstmal selbst in die Klinik gegangen. Bevor ich in meiner eigenen Notaufnahme lande.
Irgendwann bin ich genau in dem Punkt dekompensiert, der mich in die Notfallmedizin gebracht hat: Ich konnte den Stress immer weniger aushalten und damit umgehen. Meine Post-Covid-Erkrankung hat sicherlich dazu beigetragen, aber ich bin mir sicher, dass es auf jeden Fall irgendwann passiert wäre. Dann vielleicht halt erst in ein paar Jahren.
Mittlerweile bin ich berentet. Ich hoffe, dass ich irgendwann auch wieder arbeiten kann, aber ob ich jemals wieder mit genug Stress umgehen können werde, damit ich in meiner geliebten Notfallmedizin arbeiten kann? Wahrscheinlich nicht.
Was ich mir gewünscht hätte? Mehr Möglichkeiten ohne Angst meine Belastung kommunizieren zu können. Und echte Bereitschaft nach Lösungen zu suchen, die mich entlasten. Allein ein bisschen mehr Verlässlichkeit darin Pausen nehmen zu können, um mal kurz durchzuatmen und sicher was essen zu können hätte z.B. entlastet. Ich denke, das würde allen gut tun und wäre auch in einer Notaufnahme irgendwie machbar.
Oder etwas mehr Struktur darin, wer welche Patienten übernimmt. Anstatt bei jedem neuen Patienten erneut klären zu müssen, wer gerade wie viel Kapazität hat. Das bisschen mehr Planbarkeit wäre gut gewesen.
Und auf Teilzeit reduzieren zu können. Das habe ich versucht und es wurde mir verwehrt. Mit den tollen altbekannten Sprüchen vom Chefarzt: „Wir haben damals auch 80 Stunden die Woche gearbeitet und in der Klinik geschlafen und wir haben viel dabei gelernt und es hat uns nicht geschadet.“
Ich bin immer noch überzeugt, dass die Lernkurve in einem total gestressten Zustand alles andere als optimal ist und weniger arbeiten und dafür auch Zeit haben in Ruhe mal was nachzulesen, was einem auf der Arbeit so begegnet ist, die wesentlich nachhaltigere Lernstrategie ist.
Und was ich traurig finde, dass so oft das Mindset ist: Wenn du den Stress nicht aushältst, dann bist du halt hier falsch. Dabei scheinen wir ja alle den Stress am Ende irgendwie nicht so gut auszuhalten und auf verschiedene Art und Weisen daran zu Grunde zu gehen.
Aber auf meinen Wunsch nach Teilzeit hin wurde mir entgegnet, dass ich wenn ich das hier nicht schaffe, dann sei es sicherlich die bessere Lösung für mich in die Geriatrie zu wechseln.
Oh und noch was:
Was mich auch immer wieder schockiert hat, war die Normalisierung von Suchtmitteln, oft auf eine lustig-laxe Art und Weise, aber dennoch.
Es gab so oft im Dienst „lustige“ Kommentare, wie: „Das ist mal wieder ein Dienst, da braucht man einen Tavor-Leckstein.“ oder „Die Patientin wollte die Tavor doch nicht? Dann steck sie doch gleich für dich ein, du brauchst sie später bestimmt noch bei dem, was heute los ist.“
Ja, die Kommentare sind lustig gemeint. Aber sie verharmlosen das Problem.
Jedes Mal, wenn ich gesagt habe, dass ich sowas nicht lustig, sondern gefährlich finde, dann war ich humorlos. Ich weiß, wir haben oft einen dunklen Humor in der Notfallmedizin und das kann helfen.
Aber solche Kommentare finde ich wirklich gefährlich. Zumal der Zugang zu Tavor echt ungeschützt und easy war und es wahrscheinlich keinem aufgefallen wäre, wenn man etwas für den Privatgebraucht abzweigt.
Ich hatte auch lange eine Tablette Tavor expidet in meinem Geldbeutel, die ich irgendwann im Rettungsdienst mal eingesteckt habe. Ich habe immer mal überlegt sie zu nehmen, auszuprobieren, ob sie mir hilft, wenn ich unter starker Anspannung gelitten habe. Die Angst davor, dass es „zu gut hilft“ und ich das dann immer als Lösung sehe und eben in eine Sucht rutsche war zu groß. Da bin ich froh drum. Es kann so schnell gehen, weil es so einfach ist.
Vielleicht würde da doch eine Präventionsschulung für alle etwas bringen.
Vielleicht hilft es auch Tavor wie BTMs auszutragen, wie es mein einer alter Rettungsdienst gemacht hat.
Wahrscheinlich braucht es viele kleine Maßnahmen. Aber dafür brauchen wir erstmal ein Bewusstsein über die Ernsthaftigkeit und Gefährlichkeit des Themas.
Vielen Dank für einen sehr hilfreichen Artikel!