Reanimation ist vor allem Drücken, Pusten und Schocken — richtig. Aber ist das wirklich der vollumfängliche Anspruch an (inter)professionelle Notfallmediziner*innen? Hoffentlich nicht.
Für Resuscitation-Profis wie Dich haben wir ein extra Ass im Ärmel: Die dasFOAM Pocketcards zur Reanimation und zum Management bei ROSC/Pseudo-PEA, die „beyond the algorithm“ gehen.
Checklisten und Merkhilfen sparen „grüne Kügelchen“ und können die Teamperformance wesentlich verbessern. Im ILCOR Consensus on Science with Treatment Recommendations (CoSTR) wird betont: „Cognitive aids are suggested for healthcare professionals involved in resuscitation“.
Die Pocketcards sind Gedankenstütze und Dokumentationshilfe („wie viel Adrenalin haben wir nochmal gegeben?“) zugleich. Sie sollen dir sowohl Übergabesituationen als auch die Reevaluation und Entscheidungsfindung im Team erleichtern. Sie richten sich an alle in der Notfallmedizin tätigen ALS Provider — außerklinisch wie innerklinisch. Die Pocketcards können von erfahrenen Anwender:innen flankierend zu den Leitlinien und darüber hinaus angewendet werden. Einige Basics wurden bewusst als bekannt vorausgesetzt. Es kann je nach individuellem Setting notwendig sein, einige der aufgeführten Punkte zu überspringen. Wir weisen ausdrücklich darauf hin, dass der Umgang mit den Pocketcards vor der Anwendung trainiert werden muss!
NEU: In Version 2.0 haben wir neben der Überarbeitung einiger Details und der Harmonisierung mit den ERC-Leitlinien 2025 auch individualisierbare Formularfelder hinzugefügt. So kannst Du die Karte für Dein persönliches Setting anpassen. Dies ist aktuell möglich für: eCPR-Telefonnummer, regional erweiterte eCPR-Kriterien (z.B. pH, Lactat), Beatmungsparameter (z.B. um eigene Standardwerte einzutragen, die man einem Teammitglied in die Hand drücken kann „stell so ein“), regionale Temperaturmanagement-Protokolle sowie Telefonnummern für Transport, CT und PCI.
Hier findest du die aktualisierten Pocketcards zum Download:
Download: dasFOAM Pocketcards Reanimation v2.0
Bastelanleitung:
- PDF-Datei herunterladen
- Ausfüllbare Formularfelder an lokale Gegebenheiten anpassen
- Druckmenü öffnen (Strg/Cmd + P)
- Druckeinstellungen:
- DINA4 Hochkant, einseitiger Druck
- „Vier Seiten pro Blatt“
- Farbdruck mit optimaler Qualität
- Unteren Teil abtrennen
- In der Mitte falten
- Laminieren und Ecken abrunden
- Fertig!
Ein paar Gedanken und Erläuterungen zu den einzelnen Inhalten:
Wir gehen im Folgenden nicht auf alle inhaltlichen Punkte ein. Dennoch wollten wir zu einigen kontroversen (auch bei uns im Team diskutierten) oder möglicherweise unklaren Aussagen unsere Überlegungen teilen (Hinweis: im Fließtext sind Links hinterlegt).
- Vorderseite, obere Hälfte
- TOSC (Time of supported circulation) wurde etabliert, um den missverständlichen Begriff der „down-time“ zu vermeiden; sowohl für Cardiac Arrest Receiving Teams im Schockraum relevant als auch für den Rettungsdienst im Kontext Laienreanimation.
- Farblich hervorgehoben sind drei Elemente um den visuellen Fokus entsprechend zu lenken: Patient*innenwille, No-Flow-Zeit und frühzeitige eCPR-Entscheidung.
- Als 1. Rhythmus ist neben den üblichen Verdächtigen auch die Pseudo-PEA aufgeführt, da sich das Management hier wesentlich von einer Standardreanimation unterscheidet. Hier animiert der Vorwärts-Pfeil in der Checkbox zum Umdrehen der Karte auf die ROSC-Seite.
- Bei mehreren Schockabgaben ist natürlich Vector Change bzw. DSED für trainierte Teams gefragt (bitte die Elektroden aber richtig kleben: nicht wie in dieser Abbildung im Research Summary von Cheskes et al. – sondern so wie hier bzw. bei DSED in Kombination!) Zudem taucht hier ein Stern als Hinweis auf die frühzeitige Frage nach eCPR bei persistierender VF/VT auf.
- Adrenalin gibt’s wahlweise als Bolus oder dosisäquivalent kontinuierlich (Cave: auch wenn es physiologisch Sinn ergibt und die Steuerung nach invasiv gemessenem DBP empfohlen wird, ist die Datenlage für die kontinuierliche Adrenalingabe genauso dünn wie für den generellen Nutzen von Bolusgaben).
- Im Gegensatz zur landläufigen Praxis sind Lidocain und Amiodaron im Sinne der Leitlinien- und Evidenzlage gleichwertig aufgeführt.

- Vorderseite, untere Hälfte
- Mit Hs & HITS (bzw. Hs & Ts) als Mnemonic für reversible Ursachen sind wir nie so richtig warm geworden. Warum plötzlich von organsystembasiertem Denken zu Buchstabensalat wechseln, nur weil der Puls fehlt? Nichtsdestotrotz ist es ein weitverbreitetes Schema, dessen Bestandteile sich in den reversiblen Ursachen auf der linken Seite vollumfänglich wiederfinden.
- Neben den Hs & Ts findet ihr hierunter auch ein paar Cs! Die Reihenfolge orientiert sich am ABCDE-Schema; bestimmte reversible Ursachen müssen prioritär angegangen werden, da sie Thoraxkompressionen ineffektiv machen (z.B. Spannungspneumothorax vor Hyperkaliämie).
- Gelbe Sternchen weisen hier wieder auf die Frage nach eCPR bei ausgewählten Arrest-Ursachen bzw. -Situationen hin.
- Wichtig: Während man mit „fancy“ Notfallmedizin beschäftigt ist, sollte man nicht vergessen, die Qualität der Thoraxkompressionen zu objektivieren (Druckpunkt? Tiefe? Entlastung? Frequenz?). Diesen Reminder haben wir zusammen mit einigen Kriterien hierfür (etCO2, DBP) am rechten Rand der Pocketcard verbaut..
- CPRIC steht für „CPR-induced consciousness“. Die Höhe der Dosierung der Notfallmedikation bei CPRIC (ohne ROSC) hängt davon ab, ob dadurch die ALS-Maßnahmen behindert werden.
- TOR steht für „Termination of resuscitation“. Die aufgeführten TOR-Indizien entsprechen größenteils den uTOR-Kriterien für ALS Teams. An dieser Stelle wird außerdem auf die kürzlich publizierten fünf Thesen zu Reanimationsabbruch und -verzicht verwiesen.
- Rückseite
- Der Titel der Rückseite lautet „ROSC / Pseudo-PEA“, da letztere von der Herangehensweise eigentlich mehr einem SCAI Schockstadium E und weniger einer klassischen Reanimationssituation entspricht.
- Arterieller Zugang bevorzugt femoral oder alternativ linksseitig radial (den interventionellen Kardiolog:innen zuliebe).
- Der (Nor-)Adrenalin-Perfusor gibt eine Startdosis an, von der aus wirkungsabhängig nachtitriert wird – besonders hilfreich für Menschen, die in „μg/kg/min“ denken und sonst für „ml/h“ kompliziert kopfrechnen müssten.
- MW steht für Mundwinkel; EOLD steht für „End of life decisions“; QoL steht für „Quality of Life“; S steht für Symptome bzw. Prodromi vor Arrest
Wie ihr euch denken könnt sind das nicht unsere ersten Pocketcards. Bisher gibt es welche für RSI, Perfusoren, ITS, ITS Pflege, EKG, Schmerztherapie, Suizidalität, Antibiotika, HEART Score, etc. – und weitere sind bereits in Planung! Wir hoffen, dass ihr Gefallen daran findet, sind gespannt auf euer konstruktives Feedback und freuen uns immer über Verbesserungsvorschläge!
Changelog (Stand 17.11.2025):
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- Veröffentlicht wurden die Pocketcards v1.4 zu „Reanimation“ und „ROSC / Pseudo-PEA“. Die vorherigen Versionen 1.0 – 1.3 wurden bereits in einem dasFOAM internen Peer-Reviewprozess überarbeitet.
- Die Pocketcards „Reanimation“ und „ROSC / Pseudo-PEA“ wurden anlässlich des Updates der europäischen Reanimationsleitlinien auf Version v2.0 aktualisiert:
- Layout überarbeitet (Struktur, Design, Freifelder)
- Individualisierbare PDF-Formularfelder eingeführt zur Anpassung auf lokale Anforderungen (vor der Verwendung): eCPR-Kriterien, Temperaturmanagement, Rufnummern etc.
- Zusätzliche Dokumentationsfelder eingefügt (BZ, BGA, Temperatur etc.)
- Ziel-etCO2 von >20 mmHg auf >25 mmHg angepasst.
- Ziel-DBP von >35 mmHg auf >30 mmHg angepasst.
- „Arterie primär femoral“ als bevorzugten arteriellen Zugang ergänzt.
- Esketamin bei CPRIC angepasst auf „z.B. 25–50 mg i.v.“ (statt 0,5–1,0 mg/kg) zur vereinfachten Anwendbarkeit (adaptiert nach Howard et al.)
- rt-PA-Dosierung von 0,6 mg/kg auf „50 mg (200 ml/h)“ angepasst.
- Vorgehen bei Hypothermie aktualisiert: „<30°C nur 1× Epi“ (statt „kein Epi“).
- Differenzialdiagnosen (Cs) bei OMI ergänzt: „Kardiomyopathie, Commotio , primäre HRST“.
- Bevorzugter TTE-View „subxiphoidal“ analog zu den ERC-Guidelines.
- Neustrukturierung der Rückseite „ROSC/Pseudo-PEA“ mit Hervorhebung der 10 für 10 vor und nach dem Primary Survey (nach Zustandsänderung).
Artikel von #dasFOAM zum Weiterlesen:
- Reversible Ursachen des Kreislaufstillstands – HITS aus Frankreich
- Reversibler Kreislaufstillstand – mehr als H’s und HITS
- Hilfe, ein Perfusor
- Der Tod des Pulschecks – wie wir ihn kennen.
- Daumen hoch zur Maskenventilation
- Die Maske muss NICHT dicht sitzen zur Reanimation #BeiluftIstOk
- Kreislaufstillstand – Eine Videoanalyse
- CPR-assoziiertes Bewusstsein
- Die Zukunft: ECMO statt normaler Reanimation?
- TCA: Drücken ist zwecklos.
- TCA: Drücken ist nicht zwecklos!
- Präklinische Crashsectio – Die reanimationspflichtige Schwangere im RTW
- Korrekte Einsatznachbesprechung
Weitere empfehlenswerte Quellen:
- Die neuen ERC Guidelines 2025 (und eine schöne Übersicht bei Notfallguru)
- Zero point survey: a multidisciplinary idea to STEP UP resuscitation effectiveness (Reid et al. 2018)
- Psychological skills to improve Emergency care providers‘ Performance under stress (Lauria et al. 2017)
- Helman, A. Simard, R. Weingart, S. PEA Arrest, PseudoPEA and PREM. Emergency Medicine Cases. October, 2019.
- Helman, A. Gray, S. Weingart, S. Tillmann, B. Episode 169 – Cardiac Arrest Controversies: Chest Compressions, Dual Defibrillation, Medications and Airway. Emergency Medicine Cases. May, 2022.
- Helman, A. Episode 170 Cardiac Arrest – PoCUS Integration, Communication Strategies, E-CPR, Calling the Code. Emergency Medicine Cases. June, 2022.
Bildquellen:
Beitragsbild (Spielkarte) von Daniel Rykhev auf Unsplash. Archivbild (Katze) von Max Laun.
Ein besonderer Dank gilt Vincent Weber für das wunderbare Design und seinen Fokus auf das Wesentliche. Darüber hinaus ein großer Shoutout an den konstruktiven und gleichzeitig sehr amüsanten Reviewprozess!
Wichtig: Der Artikel und die Angaben auf den Pocketcards wurden von den Autor*innen mit größtmöglicher Sorgfalt geprüft und dürfen im Sinne von #FOAMed unter Angabe der Originalquelle ausdrücklich gerne studiert und zitiert, geteilt und verteilt, ausgedruckt und ausgelegt, geknickt und verschickt werden. Nichtsdestotrotz können wir keine Gewähr für deren Richtigkeit übernehmen. Die Angaben erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit und die genannten Empfehlungen sind ohne Gewähr. Die Verantwortung liegt immer bei den Behandelnden. Der Einzelfall entscheidet. Die Pocketcards sind keine Therapieempfehlung und kein Medizinprodukt! Der Inhalt stellt die Position der Autoren dar und nicht unbedingt die etablierte Meinung und/oder Meinung von dasFOAM.



Vielen Dank! Ich hätte mich noch über ein paar kurze Punkte zum Thema Trauma-CPR gefreut.